Sturz von der Zinsleiter
Von Nicole Bastian und Rolf Benders
Vom 01.04.2008
Das Angebot klang verführerisch: Mit einer komplexen Wette auf die globale Zinsentwicklung sollte die Zinslast eines deutschen Mittelständlers effektiv gesenkt werden, so das Versprechen der Deutschen Bank. Doch die Bank verspekulierte sich und der Mittelständler klagte. Die Geschichte eines Wirtschaftskrimis.
FRANKFURT. Die erste Offerte kam im Januar 2005. Gerne wollte die Deutsche Bank bei dem mittelständischen Unternehmen Schmidt (Name geändert) zur Hausbank avancieren. Und so bot sie ihm zur Senkung der Zinslast eine komplexe Wette auf die globale Zinsentwicklung an: den "CMS Spread Ladder Swap". Doch die Wette ging für die Schmidt GmbH nicht auf. Heute weiß der kaufmännische Leiter des Unternehmens, Eduard Mayer (Name geändert): "So ein Produkt kann ein mittelständisches Unternehmen ruinieren". Er fühlt sich von der Bank über den Tisch gezogen.
Mit 40 Millionen Euro Umsatz und stetigen Gewinnen war Schmidt prädestiniert für den Vorstoß der Deutschen Bank ins Mittelstandsgeschäft. "Im klassischen regelmäßigen Gespräch, in dem man mit der Hausbank zusammensitzt, stellte sie das Produkt als Zinsverbilligungsstrategie vor", erzählt Mayer. "Ich fragte noch, sind da Optionsmodelle drin, und der Kundenberater sagte ?Nein?."
Durch den "CMS Spread Ladder-Swap" - eine Wette auf die Differenz zwischen Lang- und Kurzfristzinsen - drohten Schmidt in der Spitze 1,2 Mill. Euro Verlust. "Gott sei Dank sind wir im Kern gesund und machen Gewinne", sagt Mayer.
Bisher sind vor allem Kommunen und kommunale Unternehmen mit Klagen gegen die Deutsche Bank und den Zinsswap bekannt geworden. Erst gestern wurde die Bank im Fall der Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH zu einer Million Euro Schadenersatz verurteilt. Doch es waren vor allem mittelständische Unternehmen, die das Produkt gekauft haben. Wie die Firma Schmidt scheuen sie das Licht der Öffentlichkeit, hoffen auf einen Vergleich mit der Bank - auf ein Ende dessen, was Mayer heute als "billigen Wirtschaftskrimi" bezeichnet.
Kompliziertes Produkt mit Nebenwirkungen
Zinswette
Das Produkt "CMS-Spread-Ladder-Swap" beruht auf der Differenz (Spread) zwischen dem Zehnjahreszinssatz und den kurzfristigen Zinssätzen. Letztere liegen normalerweise deutlich unter den Langfristzinsen. Doch von 2006 bis Mitte 2007 drehte sich die Situation. Experten sprechen von einer inversen Zinskurve.
Hebel
Das komplexe Produkt der Deutschen Bank hat für diesen Fall all eine extreme Hebelwirkung. Der zu zahlende Zins schießt in die Höhe. Dieser Effekt wirkt in dem Produkt nach, auch wenn sich die Zinsstruktur wieder normalisiert hat. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit verdient das Unternehmen mit dem Produkt etwas Geld, mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit verliert es viel Geld.
Klagen
Nicht nur die Deutsche Bank hat solche komplexen Zinsswaps vertrieben. Über ähnliche, wenn auch nicht identische Produkte haben auch Hypo-Vereinsbank und Landesbank Baden-Württemberg, Commerzbank und IKB bereits mit Kunden gestritten. Die mit Abstand größte Zahl fällt jedoch auf die Deutsche Bank - und dort vor allem auf ihr Produkt "CMS Spread Ladder Swap".
Unerfahren in Finanzdingen war Mayer im Januar 2005 nicht, als das Angebot der Bank kam. "Mit einfachem Hedgen haben wir uns seit Jahren gegen die Zins- und Währungsentwicklung abgesichert." Als exportorientiertes Unternehmen mit langer Vorfinanzierung war Zinsmanagement nicht unwichtig. So rechnete Mayer manuell durch, welche Verluste der neu angebotene Zinsswap für ihn im schlimmsten Fall bedeuten könnte. Bei fünf Millionen Euro Swapvolumen kam er auf 240 000 bis 260 000 Euro Maximalverlust. Das einseitige Kündigungsrecht der Bank wollte er nicht akzeptieren - bedang sich ebenfalls eines aus. Per E-Mail bekam er ein "Kündigungsrecht zu aktuellen Marktkonditionen" zugesichert. "Ich dachte, wenn ich in die Verlustzone laufe, kündige ich und gleiche das durch die Vorabprämie von gut 60 000 Euro für das erste Jahr aus." Doch Mayer hatte die Hebeleffekte des Produkts unterschätzt. Und das Computerprogramm, das die volle Wirkung des Swaps zeigte, brachte die Bank erst ein Jahr später mit.
Mittelständler haben nicht die nötigen Ressourcen
Da nämlich meldete sich der Firmenkundenberater der Deutschen Bank - und verlangte für die bestehende Kreditlinie über 1,7 Millionen Euro höhere Absicherungen. Seine Begründung: die Verluste des Swaps. Als Mayer genauere Erklärungen verlangte, vertagte der Berater das Gespräch und brachte zum nächsten Besuch im Januar 2006 den sogenannten Szenariorechner mit. Resultat: Bei der Firma Schmidt war der "negative Marktwert" des Swaps schon nach einem Jahr auf eine halbe Million Euro gewachsen - eine für Mayer unvorstellbare Summe. Es sei auch das erste Mal gewesen, dass die Bank überhaupt einen konkreten Marktwert des Produkts genannt habe. "Wenn man den Szenariorechner nicht hat, sieht man nicht, wie die Formel wirkt", sagt Mayer. "Ein mittelständisches Unternehmen hat gar nicht die personellen Ressourcen, ein solches Produkt zu verstehen." Dabei wirkt er eher kühl resignierend denn aufbrausend. Dennoch ärgert es ihn auch heute noch, dass der Swap plötzlich die Kreditlinie gefährdete. "Wir haben das so empfunden, dass wir gelinkt worden sind."
Die Deutsche Bank will den Fall nicht kommentieren. "Jeder Kunde wird von uns umfangreich über Chancen und Risiken aufgeklärt. Zu einzelnen Kundenbeziehungen äußert sich die Bank nicht", heißt es dort lediglich.
Im Laufe des Jahres wuchs der negative Marktwert auf 1,2 Millionen Euro an. Als Mayer den Swap kündigen wollte, kam im Sommer 2006 erstmals ein Swap-Experte auf Kundenbesuch in das mittelständische Unternehmen. Und der machte Mayer klar: Er könne kündigen, müsse aber dann nicht nur die Verlustprämie für das erste Quartal zahlen, sondern den gesamten negativen Marktwert als Verlust realisieren. "Im Grunde ein unechtes Kündigungsrecht", regt sich Mayer auf. Von einem theoretisch unbegrenzten Verlustrisiko sei zuvor nie die Rede gewesen. "Ich habe dem Mann gesagt: ?Es hat den Anschein, Ihr haltet den Vertrieb dumm, damit er aus Überzeugung Schlechtes tut?."
Mittelständler streben meist einen Vergleich an
Auf Beschwerde bot die Deutsche Bank im Herbst 2006 ein Ersatzprodukt an. Mit einem neuen Zinsprodukt wurde versucht, den Effekt des ersten Produkts zu auszugleichen - um den Preis neuer Risiken. Mayer und die Deutsche Bank wurden sich nicht einig. "Alle Vertreter der Deutschen Bank, die vorher mit uns gesprochen hatten, hatten auf einmal einen Maulkorb." Im Frühjahr 2007 schaltete die Firma Schmidt einen Anwalt ein und bereitet derzeit die Klage vor.
Dabei sind gerade mittelständische Unternehmen gar nicht auf Prozesse aus, wären zu Vergleichen bereit, berichten Anwälte wie Jochen Weck von der Kanzlei Rössner oder Klaus Nieding von Nieding + Barth. "Viele können sich vorstellen, ihre Beziehung zur Bank aufrechtzuerhalten", sagt Nieding. Doch erst, wenn in diesem Jahr für viele der Geschäfte aus dem Jahr 2005 die dreijährige Verjährungsfrist endet, rechnen die Anwälte damit, dass Bewegung in die Streitigkeiten kommen kann. Bis dahin wolle die Deutsche Bank keine Signale setzen.
Er frage sich nun schon, ob bei ihm die Alarmglocken nicht rechtzeitig geläutet hätten, sagt Mayer. "Aber ich habe mir ein Kündigungsrecht ausbedungen, habe ausgerechnet, wann ich mit dem Produkt Verluste machen würde." Er zuckt mit den Schultern. Wenn von Anfang an alle Informationen offen dargelegt worden wären, sagt er überzeugt, hätte es keinen Abschluss gegeben.
Seit gut einem Jahr zahlt die Firma Schmidt nun zwischen 25 000 und 60 000 Euro pro Quartal für den Swap. Der Wertverlust hat sich durch die Zinsentwicklung auf 500 000 Euro verringert.
Vor wenigen Monaten kam erneut ein Vertreter der Deutschen Bank zur Schmidt GmbH und wollte die Kreditkonditionen neu aushandeln. Schließlich sei neben einer schlechteren Gewinnentwicklung, verursacht durch die Drohverlustrückstellung, auch das Bilanzrating schlechter. Seitdem haben Vertreter der Deutschen Bank bei der Firma Schmidt Hausverbot. |